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Typisch Springer?

22 Mai, 2011 (19:52) | Medien, Politik | By: yury

Nein, es ist sicher nichts Gravierendes, wenn eine Online-Zeitung einmal bei einer Überschrift daneben greift. Davon geht die Welt nicht unter.

Aber es sind oft kleine Unstimmigkeiten, die einem begegnen, wenn man sich in der deutschen Medienlandschaft umsieht. Jede für sich mag unbedeutend erscheinen; insgesamt ergeben sie jedoch nicht selten ein völlig verzerrtes Bild der Realität.
Eben fand ich einen Bericht in der Welt (eine Zeitung des Springer-Verlags, der auch die Bildzeitung herausgibt) über die Gülen-Bewegung. Ich empfehle sehr, ihn zu lesen – er berichtet in einer für Welt Online erstaunlich liberalen Weise über eine islamische Bewegung, die sich dem interkulturellen Dialog verschrieben hat.
Das Einzige, was mich an dem Bericht störte, war die Überschrift:

„Islam-Bewegung breitet sich in Deutschland aus: Ist sie eine gefährliche Geheimorganisation? Die Gülen-Bewegung besitzt ein Medien-Imperium, eine Bank und Universitäten. In Deutschland betreibt sie bereits zwölf Schulen.“

Und noch einmal Satz für Satz:
„Islam-Bewegung breitet sich in Deutschland aus“ – Ausbreitung, das klingt gefährlich, nach Verdrängung und nach bösen Absichten. Wenn sich etwas „ausbreitet“, dann ist es selten positiv, meistens ist es etwas Ungewünschtes, ein Fremdkörper, eine Art Geschwür. Und dann noch in Deutschland, hier, in „unserem“ Staat. Was maßt sich diese „Islam-Bewegung“ eigentlich an?
Ich übertreibe jetzt bewusst, aber der Leser sieht den ersten Satz und bekommt sofort eine Meinung präsentiert, nicht „offiziell“ zwar, aber allein die Wortwahl ist ein mächtiges Instrument zur Manipulation. Der Leser wird den Artikel jetzt sicher aus dieser Perspektive lesen und auf gefährliche Elemente achten, erst recht nach den nächsten Sätzen. Bevor ich mich diesen zuwende, möchte ich allerdings noch auf das Wort „Islam-Bewegung“ aufmerksam machen. Vielleicht überreagiere ich, aber meiner Meinung nach klingt diese Wortverkettung mit Bindestrich nicht nur sprachlich etwas unschön. Warum nicht „islamische Bewegung“?
Gut, genug der Haarspalterei. „Ist sie eine gefährliche Geheimorganisation?“ Das ist ganz offensichtlich eine rhetorische Frage, und nach dem Lesen des Berichts bin ich jedenfalls geneigt, sie mit „nein“ zu beantworten. Rhetorische Fragen dieser Art schreien aber immer nach einem „ja“ und suggerieren damit, eine Art vorgezogenes Fazit zu sein.

Die Gülen-Bewegung besitzt ein Medien-Imperium, eine Bank und Universitäten.“

Wie bitte? Ein Medien-Imperium? Und das aus der Feder der „Welt“, die bekanntlich eine Zeitung der Axel Springer AG ist? Aber diese besitzt natürlich kein „Medien-Imperium“? Wir haben überhaupt keine unter anderem (aber nicht ausschließlich) von Springer herbeigeführte neoliberale Dominanz in der deutschen Medienlandschaft, sondern – eine islamische, oder gar islamistische? Interessant. Allein schon der Begriff „Imperium“ ist so unglaublich lächerlich, dass man ihn eigentlich gar nicht kommentieren muss.
Abgesehen davon interessiert es mich, wie eine ganz und gar informelle Bewegung eigentlich eine Bank und Universitäten „besitzen“ soll. Aber Hauptsache Panikmache – wir haben ja auch keine größeren Probleme in Deutschland als die alles überragende Macht eines islamischen Imperiums.

„In Deutschland betreibt sie bereits zwölf Schulen.“

Schulen?! Jetzt infiltrieren „die“ auch noch „unsere“ Kinder mit ihrer islamistischen Propaganda! Hilfe!
Im Artikel wird dann auch Necla Kelek zitiert, die die Bewegung als gefährliche „Geheimorganisation“ einstuft; letztlich kommt er aber dennoch zu dem Schluss, dass die Bewegung den interkulturellen Dialog fördert und keine große Gefahr darstellt.
Schön, liebe „Welt“-Redakteure, was aber soll dann diese Überschrift? Ist euch etwa nicht bekannt, dass viele Schnellleser vor allem die Überschriften und Kurzzusammenfassungen lesen und dass der Artikel nach dem Lesen solch einer Überschrift aus einer ganz bestimmten Perspektive betrachtet wird? Oder ist es euch gerade bekannt und das ganze war Absicht? Ohne irgendjemandem etwas unterstellen zu wollen – merkwürdig ist es schon, oder etwa nicht?
Die Kommentatoren erwecken dann auch den Anschein, nur die Titelzeile gelesen zu haben – Beiträge wie „Das kann ja heiter werden in der Zukunft in Deutschland“ oder Wir dulden das, weil unsere gleichgeschaltete, linksorientierte Politikerklasse es zulässt! Die Medien machen fleißig mit! Deutschland braucht Die Freiheit, sonst schafften wir es ab“ sind einschlägig und zeichnen sich dadurch aus, dass sie erstens überhaupt nichts mit dem Thema zu tun haben und zweitens typisch antiislamisch sind. Dazu passt auch, dass prompt Twitter-Reaktionen von Usern wie „Stop Linkstrend“, „thilosarrazinfb“ oder den Düsseldorfer Republikanern kamen. Welt Online ist sich offenbar nicht zu schade, solche Stimmungen zu fördern.
Springer halt.

 

Quelle: yuryBlog

Comments

Comment from ToBeFree
Time 23. Mai 2011 at 16:13

Ich ungebildeter |\|008 wusste nicht einmal, dass die Welt zum Springer-Verlag gehört *schäm*… 😮
Zum Glück lese ich die nicht, sonst hätte ich jetzt damit aufgehört. 😀

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