Margot Käßmann ist überall

Vorab – ich bin wirklich kein Fan von Margot Käßmann, der ehemaligen Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, die im Februar 2010 von diesem Amt zurücktrat – nach einer Autofahrt, bei der sie unter Alkoholeinfluss gestanden hatte. Um ehrlich zu sein, ist sie mir relativ egal. Trotzdem verdient der argumentativ eher dürftige, aber mit subjektiven Ansichten über alle möglichen Themen gespickte Spiegel-Artikel über sie einen Kommentar.

„Die Mut-Bürgerin“, lautet der Titel des Beitrags, und der unbedarfte Leser nimmt zunächst an, die Überschrift solle den Artikel repräsentieren oder zusammenfassen. Weit gefehlt – bei Spiegel Online verbirgt sich schon im Titel beißende Ironie.

Margot Käßmann ist allgegenwärtig. Ihre Bücher sind Bestseller. Sie ist der Star des bevorstehenden Kirchentags. Was heißt das für die deutsche Politik?

Man stutzt zwar kurz, warum Margot Käßmann „allgegenwärtig“ sein soll und was das mit „der deutschen Politik“ zu tun haben soll, aber liest dann weiter in der Erwartung, dass der Artikel schon eine Antwort auf diese Fragen bereithalten werde.

Die Frage würde kommen, das wusste Margot Käßmann, es geht um das beherrschende Thema der vergangenen Tage, sie hat sich darauf vorbereitet. Käßmann sitzt im Untergeschoss des Berliner Kulturkaufhauses Dussmann, etwa 200 Leute drängeln sich um die kleine Bühne. Oben, wo eine Leinwand aufgebaut ist, sind es noch mal so viele.
Käßmann hat gerade Passagen aus ihrem neuem Buch „Sehnsucht nach Leben“ gelesen. Es handelt von Frieden, Freiheit und dem Glauben an Engel. Das Publikum, vorwiegend Frauen aus der Generation 50 plus, hat aufmerksam zugehört. Ihr gehe es darum, Hoffnungsbilder zu malen, sagt Käßmann.
Ein Journalist redet mit Käßmann über Sehnsüchte. Dann fragt er: „Frau Käßmann, was halten Sie von der Intervention des Westens in Libyen?“ Käßmann war einmal Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Sie trat vor gut einem Jahr nach einer Trunkenheitsfahrt zurück. Spätestens seitdem gilt sie als moralische Autorität in allen wichtigen Fragen, gerade solchen von Krieg und Frieden.

Die sofort auffallende Widersprüchlichkeit in dem zeitlichen Zusammenhang, den der Autor hier zwischen der Trunkenheitsfahrt und der „moralischen Autorität“ konstruiert, ist selbstverständlich gewollt. Die Frage, wem die gute Frau als moralische Autorität gilt, bleibt dabei unbeantwortet. Dabei hat man immer eine Autorität gegenüber jemandem inne; und diese Formulierung klingt so, als gälte die Aussage für alle Deutschen. Dadurch wird erst einmal das angebliche Problem aufgebauscht, welches dann in den nächsten Absätzen gründlich seziert wird.

Sie hat das Geschehen in Libyen in den vorangegangenen Wochen öfters kommentiert. Es ist ein Thema, für das sie sich zuständig fühlt. Ihre Antworten waren nicht immer ganz widerspruchsfrei, auch moralische Autoritäten sind zu einer gewissen Flexibilität fähig.

Jetzt wird es abwertend. Als wäre es zu verurteilen, dass eine prominente Person, die kein öffentliches Amt innehat, das politische Geschehen kommentiert, wie es viele Intellektuelle auch regelmäßig tun… Die Phrase der „gewissen Flexibilität“ klingt schon für sich genommen sarkastisch, sie wird allerdings dadurch noch unpassender, dass die vom Redakteur gefundene Widersprüchlichkeit in ihren Aussagen nicht einmal existiert:

Das erste Mal, als Käßmann sich äußerte, war der Bürgerkrieg bereits im Gange. Sie mochte sich nicht recht festlegen: „Wir brauchen mehr Phantasie für den Frieden, um ganz anders mit Konflikten umzugehen“, sagte sie. Das war eine sehr allgemeine Einschätzung, vielleicht etwas unterkomplex, aber sie würde auf alle denkbaren Entwicklungen passen.

Dann setzte Oberst Muammar al-Gaddafi den Krieg gegen das eigene Volk ziemlich phantasielos fort, er versprach, Libyen „Haus für Haus zu säubern“, ein Massaker schien unmittelbar bevorzustehen. Käßmann hielt nun eine Flugverbotszone „eng begrenzt für richtig, weil man das freiheitsliebende Volk vor einem völlig irrsinnig gewordenen Diktator schützen muss“. Das schien eindeutig.

Zeitgleich autorisierte der Uno-Sicherheitsrat den militärischen Einsatz gegen Gaddafi. Käßmanns Sympathie für eine Flugverbotszone verflüchtigte sich in dem Moment, als diese durchgesetzt wurde. In Libyen schossen Raketen durch die Luft, Panzer gingen in Flammen auf, Menschen starben. Das war gar nicht die friedliche Flugverbotszone, die Käßmann gemeint hatte. Das war Krieg.
Nun sitzt sie bei Dussmann, der Journalist hat gefragt, sie muss wieder eine Position finden. Sie sagt: „Es scheint keine Begrenzung des Militärischen zu geben, das finde ich deprimierend.“

Zuerst wird eine zugegebenermaßen sehr allgemeine und abstrakte Aussage, wie wir sie täglich von unseren Politikerinnen und Politikern hören, als „unterkomplex“ diffamiert (bezeichnet der Autor mit seinem überragenden Intellekt auch Angela Merkel als „unterkomplex“?), dann ist eine abwägende Aussage, die bei einem ethisch sehr komplexen Thema eine vorsichtige Einschätzung trifft, „eindeutig“, und schließlich ändern sich ihre Positionen genau dann, wenn sie in die Praxis umgesetzt werden, womit ihre Realitätsferne ja wohl unzweifelhaft belegt ist. „Sie muss wieder eine Position finden.“ Oder?
Dabei liefert sich der Autor die Antworten auf seine quälenden Fragen eigentlich selbst: „In Libyen schossen Raketen durch die Luft, Panzer gingen in Flammen auf, Menschen starben. Das war gar nicht die friedliche Flugverbotszone, die Käßmann gemeint hatte. Das war Krieg.“ Der beißende Zynismus in diesen Sätzen ist unübersehbar, und dennoch müsste dem Redakteur selbst bekannt gewesen sein, dass eine Flug-Verbotszone eigentlich darauf ausgerichtet ist, (militärische) Flüge über dem betreffenden Gebiet zu verhindern – und nicht Luftangriffe zu fliegen und Zivilisten zu töten, wie es die Nato tut.

Die Zuhörer in Berlin sind überzeugt, sie honorieren Käßmanns Ausführungen mit viel Beifall. Am Ende der Lesung gibt es eine lange Schlange von Menschen, die ihr Buch von der Autorin signieren lassen wollen. Offenbar ist niemandem bewusst, welche Positionen Käßmann in dieser Sache schon vertreten hat, oder es stört zumindest niemanden. Für ihre Fans passt immer, was sie gerade sagt.
Margot Käßmann gehört zu den erstaunlichsten Figuren des öffentlichen Lebens in Deutschland. Sie elektrisiert die Menschen, egal ob sie gerade für eine Flugverbotszone ist oder dagegen. Zwei ihrer Bücher sind unter den Top 20 der SPIEGEL-Bestsellerliste, eines davon schon seit 81 Wochen. Sie ist regelmäßig im Fernsehen zu sehen, vor gut zwei Wochen hat sie zum ersten Mal eine Talkshow moderiert. Es ist oft schwierig, für ihre Veranstaltungen noch ein Ticket zu bekommen.

Tja, ihre „Fans“ (überhaupt ein eher unangemessener Begriff) müssen schon extrem dumm sein, wenn sie die eklatanten Widersprüche in Käßmanns Aussagen nicht sehen. Und es ist schon sehr bemerkenswert, dass Menschen bei einer Lesung applaudieren und sich nachher sogar noch Bücher signieren lassen. Die Argumente werden immer besser.

Die Bürger vertrauen Käßmann. Bei einer SPIEGEL-Umfrage nach moralischen Instanzen in Deutschland landete sie vor Günter Grass und Jürgen Habermas – allerdings hinter Karl-Theodor zu Guttenberg. Da war noch keine Rede von dessen Doktorarbeit.

Es ist ja lobenswert, dass der Spiegel eine Zweitverwertung für seine wertvollen Umfragen sucht, aber in der genannten Befragung landete Käßmann auf Platz 9 – hinter moralischen Autoritäten wie Horst Köhler, Ursula von der Leyen oder Günter Jauch. Wow.

Käßmann weiß, was die Leser von ihr erwarten, und sie liefert. Mehr als 50 Bücher hat sie geschrieben, sie heißen „Meine Füße auf weitem Raum“ oder „Was im Leben trägt“. Es sind Bücher, die immer die gleiche Botschaft haben: Fehlschläge sind normal, du darfst nicht verzweifeln. Die Bücher sind aus Fertigbauteilen zusammengesetzt wie ein Ikea-Regal. Und genauso erfolgreich.

Ich gehe nicht davon aus, dass der Autor alle diese Bücher gelesen hat. Das muss er ja auch nicht – aber dann sollte er sich vielleicht auch nicht unbedingt ein so vernichtendes Urteil anmaßen. Die Metapher mit dem Ikea-Regal ist ja sehr kreativ, wie lange hat er wohl dafür gebraucht?

In der Ovalhalle im Wiener Museumsquartier haben sich die Mutigen versammelt. Sie tragen gelbe T-Shirts oder Schals mit dem Aufdruck „Mut tut gut.“ Die T-Shirts kosten zehn Euro, die Schals die Hälfte. Die Veranstaltung ist Teil der Evangelischen Woche, sie steht unter dem Motto: „Wo Mut Gutes tut“.
Als Expertin in Sachen Mut ist Margot Käßmann eingeladen. Käßmann ist ganz in Schwarz gekleidet, schwarze Schuhe, schwarzer Rock, schwarzes T-Shirt und ein silbernes Kreuz um den Hals. Was sie für die Expertenrolle prädestiniert, erklärt die Moderatorin vom Österreichischen Rundfunk (ORF): „Frau Käßmann ist hier“, sagt sie, „weil sich der Mut als Leitmotiv durch ihr Leben zieht.“

Während man sich noch fragt, was damit wohl gemeint sei, zählt die Frau vom ORF all die Missstände auf, gegen die Mutige wie Frau Käßmann kämpfen: die Ausbeutung von Arbeitskräften, Kriegsbereitschaft, die größer werdende Kluft zwischen Arm und Reich, ökologische Katastrophen. „Was davon“, so fragt sie den Gast, „erfordert mehr Mut?“
Das ist eine schwierige Frage. Ist es mutiger, sich gegen ökologische Katastrophen auszusprechen oder gegen Kriegsbereitschaft? Käßmanns Mut-Thema ist der Krieg in Afghanistan. „Nichts ist gut in Afghanistan“, hat sie vor anderthalb Jahren in einer Predigt gesagt, eine ziemlich plakative Aussage, die für viel Aufregung gesorgt hat. Nicht alle fanden sie gut. Ein paar Politiker haben sich aufgeregt, weil sie fanden, Käßmann hätte sich die Situation vor Ort zumindest angucken können. Es gab auch einige Leitartikler, die Käßmanns Analyse dürftig fanden.
In der Wahrnehmung der Käßmann-Verehrer wurde daraus die Geschichte von der mutigen Bischöfin. Hatte sie sich nicht mit dem Establishment angelegt und eine Position bezogen, für die sie dann kräftig Prügel bezog?
In Wirklichkeit war die Mehrheit der Bevölkerung auf ihrer Seite. Wie viel Mut erfordert es, gegen einen Krieg zu sein, den die meisten nicht wollen? Selbst der Verteidigungsminister lobte, Käßmann habe eine wichtige Debatte angestoßen. Trotzdem klagte sie: „Es hat mich sehr verletzt, dass ich so angegriffen wurde.“ Die angeblich so heftigen Angriffe dienen als Ausweis des eigenen Mutes.

Das Verständnis, das der Autor von Mut hat, ist etwas verquer. Ist man etwa nur dann mutig, wenn man nicht die Mehrheit der Bevölkerung auf seiner Seite hat oder wenn man „das Establishment“ mit allen Mitteln bekämpft? Ist man nur mutig, wenn man von wichtigen Personen angegriffen wird?
Ja, natürlich ist die Aussage, nichts sei gut in Afghanistan, plakativ. Andererseits – wenn es sich um eine Predigt handelte, ist das dann wirklich der richtige Ort, um ultrarationale, messerscharfe Analysen zu treffen?

Ihren Kritikern, zumal denen aus der Politik, traut Käßmann alles zu. Deutschland hat sich im Uno-Sicherheitsrat in der Libyen-Frage enthalten? Das könnte man als Ausdruck des Zweifels an der Militäraktion deuten. Käßmann hat eine andere Interpretation: „War hier nicht eher ausschlaggebend, dass die Öllieferungen stabil bleiben?“, fragt sie. Wie die Enthaltung mit stabilen Öllieferungen zusammenhängt, ist nicht ganz klar. Klar ist lediglich, dass die Bundesregierung irgendwelche dunklen Motive zu haben scheint.

Nein, es ist überhaupt nicht klar, was Beschlüsse des Uno-Sicherheitsrates mit Öllieferungen zu tun haben. Es ist überhaupt nicht klar, wie Nato-Militäreinsätze mit natürlichen Ressourcen zusammenhängen. Klar ist lediglich, dass der Weihnachtsmann die Geschenke bringt. Meine Güte, wie naiv kann man eigentlich sein?

Es ist keine Kleinigkeit, wenn Käßmann der Politik unlautere Absichten unterstellt. Sie ist für viele ein Vorbild, sie gilt als ehrlich und glaubwürdig. Was sie sagt, hat Gewicht. Sie ist die prominenteste Vertreterin der evangelischen Kirche, auch ohne hervorgehobenes Amt. Sie hat eine Verantwortung, als öffentliche Person und als Christin.
Mit dieser Verantwortung geht sie fahrlässig um. In Käßmanns Welt lassen sich komplexe politische Themen auf einen Satz bringen: Nichts ist gut in Afghanistan. Das stimmt nicht, in Afghanistan hat sich vieles verbessert, die Situation der Frauen zum Beispiel. Aber Käßmanns Satz ist einprägsam, deshalb erreicht er die Menschen.

Und das Gerede von der Situation der Frauen in Afghanistan ist nicht weniger einprägsam, wenn der Autor es ein weiteres Mal wiederholt. Das macht es zwar nicht sinnvoller, aber was solls.

Das politische Weltbild, das Käßmann vermittelt, beruht auf einer klaren moralischen Zweiteilung. Es gibt nur Gut und Böse. Man muss sich zwischen beiden Seiten entscheiden.
Aber so einfach ist die Wirklichkeit nicht. Wird der Westen eher schuldig, wenn er libysche Soldaten umbringt oder wenn er ein mögliches Massaker dieser Soldaten an der Zivilbevölkerung zulässt? Das ist ein moralisches Dilemma, auf das es keine einfache Antwort gibt. Käßmann tut so, als hätte sie eine.
Sie erhebt sich damit über die Politiker, die Kompromisse finden müssen und keine einfachen Antworten geben können. Sie nimmt für sich in Anspruch, mutig zu sein. Die Politiker erscheinen daneben kleinmütig.
Durch ihre vereinfachende, moralisierende Art verstärkt sie die Ressentiments, die es ohnehin gegen die Politik gibt. Das sichert ihr Aufmerksamkeit, aber für das politische Klima im Land ist es nicht gut.

Während Frau Käßmann noch moralisiert, ist die Spiegel-Redaktion bereits im Besitz der objektiven und absoluten Wahrheit, die da lautet: Gaddafi ist böse, und die Nato wird alles richten.

Quod erat demonstrandum.

 

Erstveröffentlichung: yuryBlog

Veröffentlicht von

yury

Hiermit sage ich der Welt, wer ich bin. Das, was ich hier hinein schreibe, wird dann später – also jetzt – für alle anderen Benutzer dieses Blogs sichtbar sein. Ist es nicht toll?

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