yuryBlog: Kurz notiert: Zwei Niederlagen der Bundesregierung

Dass die Bundesregierung es mit dem Grundgesetz nicht so ganz genau nimmt, ist ja allgemein bekannt. Und so war es auch nur eine Frage der Zeit, bis der faule Hartz-IV-Kompromiss vom letzten Jahr wieder gekippt wurde. Laut dem größten deutschen Sozialgericht aus Berlin sind die Regelsätze immer noch verfassungswidrig. Daher wird nun das Bundesverfassungsgericht erneut darüber entscheiden.

Ein anderes Gericht, das Verwaltungsgericht Dresden, hat gestern die sogenannte Extremismusklausel der Bundesfamilienministerin Kristina Schröder für rechtswidrig erklärt. Sie zwingt Initiativen gegen Rechtsextremismus, die öffentliche Fördermittel erhalten wollen, alle ihre Partner (wobei nicht genauer definiert ist, wer alles ein „Partner“ sein soll) daraufhin zu überprüfen, ob sie sich den Zielen des Grundgesetzes verpflichtet fühlen und andernfalls die Zusammenarbeit mit ihnen zu beenden.

Erstveröffentlichung: yuryBlog

yuryBlog: Kurz notiert: RTL und der NRW-Wahlkampf

Als „GAL“ (Grün-Alternative Liste) bezeichnet RTL die nordrhein-westfälischen Grünen in ihrem Kandidaten-Check „10 Minuten Klartext“ zur NRW-Landtagswahl  – eine Bezeichnung, die früher eigentlich vor allem grüne Wählergemeinschaften trugen. Die Hamburger Grünen, die bis vor kurzem noch so hießen – ein Relikt aus ihrer Vergangenheit – haben erst letztes Wochenende beschlossen, sich in Bündnis 90/Die Grünen Hamburg umzubenennen. Die NRW-Grünen hießen aber nie GAL.
Weiterhin ignoriert RTL die Linke komplett – selbst die Spitzenkandidaten der FDP mit ihren 3%-Umfragewerten und der Piraten, die im Moment nicht im NRW-Landtag sitzen (auch wenn es nicht unwahrscheinlich ist, dass sie einziehen werden) werden interviewt, die Kandidatin der Linken aber nicht.
Nicht weiter verwunderlich, aber bezeichnend für den Bertelsmann-Konzern RTL…

Quelle: https://www.derwesten.de/politik/nrw-wahlkampf-bei-rtl-ohne-die-linken-id6584288.html

Als „kurz notiert“ werde ich von nun an kurze Hinweise veröffentlichen, die mir keinen langen Artikel wert, aber trotzdem beachtenswert sind.

Erstveröffentlichung: yuryBlog

yuryBlog: „Noch Fragen?“

gerechte vermögensverteilung in deutschland

die oberen
0.1% besitzen 23%
0.5% besitzen 31%
1.0% besitzen 36%
2.5% besitzen 45%
7.5% besitzen 61%
10%  besitzen 67%
des nettovermögens

die unteren
50% besitzen 1%
des nettovermögens1

leistung müsse sich wieder lohnen, sagte
christian lindner
der financial times deutschland.

»Ihr entsetzt euch darüber, daß wir das Privateigentum aufheben wollen. Aber in eurer bestehenden Gesellschaft ist das Privateigentum für neun Zehntel ihrer Mitglieder aufgehoben, es existiert gerade dadurch, daß es für neun Zehntel nicht existiert. Ihr werft uns also vor, daß wir ein Eigentum aufheben wollen, welches die Eigentumslosigkeit der ungeheuren Mehrzahl der Gesellschaft als notwendige Bedingung voraussetzt.«

Karl Marx, Friedrich Engels – Manifest der Kommunistischen Partei, 1848

1 Quelle: DIW – SOEPpaper 397, basierend auf Zahlen von 2007

Erstveröffentlichung: yuryBlog

Mit der Süddeutschen in die Inhaltslosigkeit

Endlich!
Ich hatte sie schon vermisst, die Peer-Steinbrück-Propaganda vom Feinsten, aber jetzt hat das Warten ein Ende! Germany’s Next Candidate wird endlich wieder belobigt und gepriesen, wie es sich gehört, und das Beste daran ist: Man wird nicht einmal mehr von langweiligen inhaltlichen Diskussionen belästigt, sondern kann staunend dabei zusehen, wie der Autor mit Pinsel und Farbe wunderschöne Macht- und Personenkonstellationen für das Jahr 2013 an die Wand malt. „Mit Helmut Schmidt ins Kanzleramt“, lautet der an Inhaltsleere kaum zu übertreffende Kommentar des Chefredakteurs der Süddeutschen, die ja eigentlich eine linksliberale Zeitung ist.
Gleich im ersten Absatz glaubt der Autor sich dafür rechtfertigen zu müssen, dass er statt über Inhalte über Personen spricht, und bringt das überzeugende Argument, „dass man die Auseinandersetzung über bestimmte, auch große Fragen der Politik allmählich satthat, weil man von jenen, die diese Politik verantworten, nichts mehr erwartet“. Wer „man“ sein soll, ist unklar. Sehen wir einmal darüber hinweg und lesen weiter, was der Autor denn für gewichtige Argumente für eine Kanzlerkandidatur Steinbrücks vorzubringen hat.
Zunächst einmal überhaupt keines; stattdessen beginnt er, mögliche Machtkonstellationen für 2013 auszuarbeiten und trifft Vorhersagen für das Abschneiden der verschiedenen Parteien. Schließlich sind es ja nur noch mehr als zwei Jahre bis zur Bundestagswahl. Und weil es nicht einmal möglich ist, wenige Wochen vor so einer Wahl eine verlässliche Prognose für deren Ausgang zu treffen, kann man es genauso gut jetzt versuchen.
Die Schwäche von Schwarz-Gelb sei die Stärke der SPD, analysiert er messerscharf. Komisch nur, dass davon in den Umfragen nichts zu sehen ist: Da dümpeln die Sozialdemokraten irgendwo bei 27% – und die Tatsache, dass in den Medien andauernd über eine rot-grüne Neuauflage spekuliert wird, ist allein der Stärke der Grünen zu verdanken. Die lagen in so mancher Sonntagsfrage auch schon vor der SPD, während der Verfasser des Artikels mit der „realistischen Chance, 2013 den Kanzler zu stellen“ allen Ernstes die Sozialdemokraten meint. Er prognostiziert exakt, dass die Grünen zwischen 15 und 20 Prozent liegen werden. Woher er diese Genauigkeit nimmt, erfährt der Leser leider nicht.
Und damit zu den Personen.“ Die SPD hat ein „Führungstrio“? Das stimmt schlicht nicht. Die Klassifizierung vom Parteivorsitzenden Gabriel und Fraktionsvorsitzenden Steinmeier als Führungsduo könnte man ja akzeptieren, aber was soll Steinbrück in dieser Aufzählung?
Nachdem Steinmeier und Gabriel mit eher psychologischen als inhaltlichen Argumenten „aussortiert“ werden, bleibt Steinbrück in der Argumentationslinie des Artikels als einzig vernünftiger Kandidat übrig. Er sei „außerordentlich pragmatisch und lösungsorientiert“ und überdies „gebildet und ironisch“, behauptet der Autor. Das mag ja alles sein, aber wäre nicht in einem den journalistischen Grundsätzen genügenden Artikel eine kritische Auseinandersetzung mit seiner Vergangenheit geboten? Anlässe dazu gäbe es reichlich, hier seien nur ein paar genannt:

  • sein politisches wie demokratisches (Wahlniederlage) Versagen als Finanzminister und Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen
  • seine Amtszeit als Bundesfinanzminister, in der er verantwortlich war für
  • die Mehrwertsteuererhöhung von 16 auf 19 Prozent, nachdem die SPD im Wahlkampf die von der CDU geplante zweiprozentige Erhöhung als „Merkel-Steuer“ verunglimpft hatte
  • die „Förderung des Finanzplatzes Deutschland“, sprich die Deregulierung der Finanzmärkte, die die Finanzkrise in Deutschland (mit-)verursachte
  • die Einführung der Steueridentifikationsnummer, für die er auch den Big-Brother-Award erhielt
  • die vehemente Ablehnung des absolut notwendigen und richtigen Konjunkturprogramms in der Wirtschaftskrise (heute schmückt er sich mit diesen fremden Federn!)
  • die ernsthafte Forderung nach Zinserhöhungen mitten in der Krise zur Verhinderung der Inflation
  • die Verpulverung von Milliarden für die „Rettung“ staatlicher und privater Banken

Wie gesagt, die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Genug Stoff also, um darüber nachzudenken, ob dieser Mann wirklich Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland werden sollte. Der Autor beschäftigt sich lieber damit, dass Steinbrück „immer noch irgendwie knackig“ im Vergleich zu Helmut Schmidt oder Angela Merkel wirke. Anschließend bemüht er einen Vergleich mit der Bundestagswahl 1998:

Im Angesicht des möglichen Sieges stellte die SPD 1998 alle Flügelkämpfe hintan und scharte sich um Gerhard Schröder. Auch dies trug ihn damals zum Sieg, Oskar Lafontaine später aus der Kurve.

Ausgerechnet die Bundestagswahl 1998 als Vorbild darzustellen, mag machtpolitisch vielleicht passend sein – obwohl ich auch das aufgrund der vollkommen anderen Situation zu bezweifeln wage -, bezogen auf die darauffolgenden Regierungsbeteiligungen, die zum Niedergang der SPD führten, verrät es aber doch einiges über die Überzeugungen des Autors. Ihm würde es vielleicht passen, wenn die SPD ein weiteres Mal einen Seeheimer und Angehörigen des rechten Parteiflügels zum Kandidaten küren würde – die echten Sozialdemokraten in dieser Gesellschaft würden sich indes gut überlegen, ob sie dieser SPD wirklich ihre Stimme geben wollen. 23% muss keine absolute Untergrenze für Bundestagswahlen darstellen…
Im letzten Abschnitt des Artikels offenbart Kister, wen er Steinbrück im großen Personenkarusell gerne als Vizekanzler zur Seite stellen würde: den Grünen Jürgen Trittin. Der habe „in den Pubertätsjahren der Grünen“ als Linker gegolten, schreibt er. Und übertrifft seine drollige Formulierung gleich selbst:

Das Fundi-Realo-Ding spielt heute bei den Grünen, zumal bei den vernünftigen Jüngeren, keine so große Rolle mehr.

Zu erklären wäre noch, wer „die vernünftigen Jüngeren“ bei den Grünen sind. Vermutlich meint er Leute wie Cem Özdemir, die mit ihren wirtschaftspolitischen Auffassungen genauso gut bei der FDP sein könnten.
Aber das ist nicht alles:

In gewissem Sinne apart wäre ein Spitzenduo Steinbrück/Trittin, weil dies die wohl letzte Regierung mit ausschließlich westdeutschen Wurzeln bei Kanzler und Vizekanzler wäre.

Schon gut, schon gut. Ich nehme alles zurück. Dieser geballten Ladung an argumentativer Scharfsinnigkeit kann auch ich mich nicht verschließen. Es mögen noch so viele sachliche Gründe gegen Steinbrück sprechen, dieses Argument überwiegt sie alle…
Steinbrück 4 chancellor!

 

Erstveröffentlichung: yuryBlog